Gedanken für die Woche 4: Orientierungs-Fasten
Also vorweg, den Begriff gibt es so nicht. Aber er hebt eine Wirkung des Fastens hervor, die für die persönliche Entwicklung wichtig ist.
Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal länger gefastet haben. Etwas, was dabei geschieht, ist ja, dass man den Magen-Darm-Trakt mehr oder minder still legt. Was das bedeutet, kann man sich mit dem Gegenteil verdeutlichen. Sie haben eine schwere, fettige Mahlzeit hinter sich. Da möchte man nicht aufbrechen zu neuen Horizonten, sondern erst mal ruhen. Alles Blut strömt zum Magen und zum Darm und das Hirn wird müde und matt. Wenn man das Gegenteil tut, also nichts isst, vielleicht sogar mit dem angemessenen Ritual des Anfangens, also zwei Tage kein Fleisch mit viel Gemüse und wenig Obst sowie einer angemessenen Darmentleerung, stellt man nach der Umschaltung auf Fettverbrennung, die sich durch einen Kopfschmerz meist am zweiten Tag ankündigt, etwas eigenartiges fest. Zuerst verschwindet auch das Hungergefühl. Danach aber entwickelt sich eine Leichte im Magen-Darm-Bereich. Ablenkungen, wie Magenknurren oder ähnliches, tauchen nicht mehr auf und man kann sich auf geistige Prozesse viel besser konzentrieren. Warum eigentlich?
Manche Menschen sammeln ja Dinge, können aber nicht, wie ein Museum, diesen Raum geben. So sieht man dieses oder jenes nicht, obwohl es da ist; denn es steht ja so vieles im Raum! Museen haben aber den Raum nicht, sie schaffen ihn durch Reduktion, durch „Fasten“ könnte man sagen; denn auch ihre Speicher sind oft voll. Durch die Leere, den Raum, erhalten die verbleibenden Dinge eine tiefere Bedeutung; nein besser, ihre tiefere Bedeutung wird sichtbarer, weil sie jetzt besser zu sehen sind.
In unserem eigenen Leben kann man ebenfalls Dinge, Beziehungen durch Reduktion in einem anderen Lichte sehen, wenn man anderes weglässt, fastet. Sind diese oder jene Beziehungen, Arbeiten, Personen Prioritäten? Was muss ich reduzieren oder ganz lassen? Vor allem letztere Frage ist wichtig, denn – zumindest ich – stelle fest, dass ich äußerlich nicht mehr so viel tun kann wie noch vor zwanzig oder gar vierzig Jahren. Bin ich überhaupt in der Lage, jetzt zu sagen, was Priorität hat und was nicht, was z.B. nur andere von mir wollten?
Ich hatte einmal ein Beratungsgespräch, das mich etwas erschüttert hat. Da sagte eine Frau in den 50ern: Ich habe bisher eigentlich nie getan, was ich wollte. Ich habe immer nur reagiert auf das, was andere von mir wollten. So ein Lebensresumé sollte es nicht geben! Das ist so traurig.
Gott hat jeden von
uns als Original erschaffen.
Versuchen wir also
nicht, uns in Kopien von Lebensentwürfen anderer zu verändern oder
verändern zu lassen.
Fasten kann da
helfen, wieder Orientierung zu gewinnen.
P. Adrian Kunert SJ

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