Donnerstag, 1. April 2021

Wie die erste, wie die einzige, wie die letzte

Religionen sind „Erinnerungsmaschinen“. Ereignisse, Erfahrungen und Erkenntnisse, die Jahrhunderte, gar Jahrtausende zurückliegen, werden heute erinnert, vorgelesen, erzählt, gefeiert. Warum? Weil sie oft allgemein gültige Dinge über Menschen und Beziehungen zueinander bzw. zu ihren Göttern aussagen. Meist sind das Mythen und Legenden, die im Zentrum liegen.

Doch das Christentum ist da anders. Zwar gibt es auch in der Bibel Texte, die in mythologischer Sprache abgefasst sind (Genesis 1-4 zB) oder auch Geschichten, die kurz vor

Dienstag, 8. Dezember 2020

Wann kommst Du, Immanuel?!

Wenn die Weihnachtsmärkte öffnen und die Glühweindünste zwischen den Ständen wabern, wenn immer hektischer Weihnachtseinkäufe gemacht werden unter Dauerberieselung von „Weihnachtsmusik“… dann fühlte es sich früher an, wie „normaler“ Advent. Klar habe ich mich über den Kommerz aufgeregt, über die Verschiebung von Belanglosem als Zentrum. Es lag trotz allem eine schöne Melancholie über allem, der auch ich mich nicht entziehen konnte und wollte.

Dieser Advent aber ist anders; ganz anders. Schon seit März terrorisiert dieses kleine Virus die Welt. Wann kommt es bei uns an? Wann erwischt es mich? Ich bin Risikogruppe, wie schlimm wird es werden? Im Sommer „verschwand“ das Virus unter wachsamen Augen fast… Doch die Propheten sagten: Leute, es wird eine zweite Welle geben, und die wird nicht lustig. Manches wurde vorbereitet. Aber ohne akute persönliche Not, fiel es auch der Politik schwer, nötige Entscheidungen zu fällen (man vergleiche Aktionen zum Klimawandel) – und dabei sind wir in Deutschland da noch ganz gut dran. Jetzt ist das Kommende wieder da – und die Welle ist furchtbarer als im Anfang, genauso wie einst im Frühjahr verheißen ward. Zwar weiß man mehr, kann es besser behandeln, aber es gibt auch mehr Egoisten, die sich in einer „Diktatur“ wähnen, die durch ihr asoziales Verhalten, vieles einreißen, was die überwältigende Mehrheit bisher hatte vermeiden helfen. Und der Winter hat gerade erst begonnen mit engeren Räumen voller Aerosole und kaum möglicher Mindestabstände.

Wenn man die Kranken in den Spitälern sieht, wie sie erwischt wurden von dieser Geißel, wie sie leiden und manchmal trotz aller Mühen einsam sterben, dann erhält der Advent auf einmal ein anderes Gesicht. „Das Volk, das im Dunkeln wohnt“ sehnt sich eben nach Licht am Ende des Tunnels, und zwar nicht nur für die Weihnachtsmärkte! Die sind auf einmal wieder so belanglos. Wenn man vor sich hin hustend, keine Luft mehr hat, dann sehnt man sich nach ganz normalen Zeiten des Aufatmens. Wenn man als Pflegekraft oder Arzt oder auch sonstiger Mitarbeiter im Krankenhaus seit Monaten am Limit arbeitet, dann sehnt man sich nach einem ganz normalen Dienst, wo man auch mal durchatmen kann. Wenn man – wie in vielen Branchen - auf einmal vor den Scherben seiner Existenz steht und auch staatliche Hilfen den Untergang nur verzögern können, dann sehnt man sich nach einer Erlösung aus dieser Katastrophe. Alles melancholisch Gemütliche fand ein brutales Ende. Einsamkeit, Angst, aber auch Verdrängung treffen auf die Mitte einer Gesellschaft und zwar nicht nur die Alten und Kranken, sondern auch viele, viele andere. „O komm, o komm Immanuel (Gott mit uns), nach Dir sehnt sich Dein Israel!“ Die Sehnsucht nach der verlorenen „Normalität“ brennt und verbrennt manche, für Andere aber wird es immer dunkler…

In diesem Jahr brauchte ich mir bisher keine extra Freiräume für Ruhe und Betrachtung zu schaffen. Die haben die Vorsichtsmaßnahmen und die Quarantäne geschaffen. Das Ringen nach Luft machte deutlich, wie sehr wir Heilung und Erlösung wirklich brauchen. Und ich selber kann rein gar nichts tun, um da herauszukommen. „Wann kommst Du also, Immanuel?“ Und wer wird Dich ersehnen? Wenn ich mir überlege, wie privilegiert wir hier leiden, dann wird das Ganze nur noch schärfer, selbst schon in Europa reichen die Hilfen nicht aus. Es ist keine theoretische Not, von der wir wissen. Und es wird deutlich: Wir können nicht alles planen und wegorganisieren.

Werde ich diesmal wirklich da sein, wenn Du kommst? Werde ich den Stall meines Herzens mit wahrer Sehnsucht und Buße vorbereitet haben? Werde ich Deine Krippe mit dem Stroh meiner kleinen Kraft gefüllt haben? O komm, o komm, Immanuel! Nach Dir sehnt sich Dein Israel.

P. Adrian Kunert SJ

Dienstag, 15. September 2020

Schmerzen Mariae in Coronazeit

Das Gedächtnis der Schmerzen Mariae, an dem wir eine kleine Feier im Gedenken an die in der Corona Verstorbenen gestalten, ist nur in enger Beziehung zu dem Fest der Kreuzerhöhung vom Vortag richtig zu verstehen.

Die Kreuzerhöhung hat zwei historische Anlässe, die jetzt mal unerheblich sein sollen. Wichtig für uns ist das Festgeheimnis: Menschen kommen immer wieder durch eigene Schuld oder fremdverursacht in schwere Situationen und tiefes Leid hinein. Sie schreien (meist erst ausgelöst durch diese Not) dann um Hilfe zu Gott. Der hört das Rufen, macht aber die Situation nicht ungeschehen, sondern setzt ein Zeichen und eine Handlungsaufforderung. Bei den Israeliten, die von Schlangen gebissen wurden, war es: Blickt auf zur Bronzeschlange des Mose und ihr werdet leben (Numeri 21,4-9). Hierbei ist wichtig: Nicht die Bronzeschlange selbst heilt, sondern das Vertrauen auf Gottes Wort. So ein Zeichen ist Jesus (Johannes 3,13-17), erhöht am Kreuz. Wer Gott wie Jesus bis zum Tod vertraut, wird gerettet.

Das Gedächtnis der Schmerzen Mariae nun lädt uns ein, mit dem empathischen Blick der Mutter Jesu auf Sein Leiden (und wie Er und sie damit umgehen) zu schauen, um selber Kraft zu schöpfen und heil zu werden – wir selber und als Gesellschaft. Wenn wir dieses Gedenken am heutigen Tag feiern, gedenken wir also nicht nur der Leidenden und Verstorbenen im Zusammenhang mit Corona, sondern vergewissern uns auch, warum es gut ist, die oft sehr störenden (AHA-)Regeln einzuhalten.

Maria, du bist der reine Spiegel der Herrlichkeit deines Sohnes und der tiefe Brunnen Seines Erbarmens, aus dem wir schöpfen können.

GEBET

Gott,
diese Kerzen brennen gegen das Vergessen;
gegen das Vergessen der Toten,
gegen das Verdrängen der Vorsicht,
gegen die gefährliche Sehnsucht alles wieder so haben zu wollen,
wie vor der Krise.

Gott,
diese Kerzen brennen aber auch für etwas;
für das Erinnern,
für die Solidarität,
für das neue Bewusstsein, dass wir und unsere Gesellschaft endlich und
verletzlich sind,
denn nichts ist ewig, wenn es nicht in Dir ist.

Gott,
segne unser Haus: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
die Patienten und Besucher;
segne unser Mühen und schenke unseren Herzen eine Leichtigkeit,
die nur von Dir kommen kann;
segne unsere Stadt und unser gemeinsames Haus Europa,
damit wir gestärkt und mit einem besseren Fokus aus dieser Krise hervorgehen.

Und Gott,
behüte uns vor denen, die die Gesellschaft verwirren,
die Krise und damit die Vorsicht kleinreden,
behüte uns vor denen, die Sorglosigkeit predigen,
und damit alle bisherigen Erfolge gefährden,
behüte uns vor denen, die aus Angst heraus alles herunterfahren wollen.

Gott,
schenke uns eine wache Gelassenheit und den Geist liebender Unterscheidung,
die uns das Nötige weiterhin tun lässt,
die aber den Nächsten und seine Nöte im Blick behält.
So segne und behüte Euch der allmächtige und liebende Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Freitag, 19. Juni 2020

Das Heiligste Herz Jesu


katholischer Zentralzugang zu Gott

Vielen sind die Andachten fremd, die heute und an jedem Herz-Jesu-Freitag gebetet werden. Das liegt wohl vor allem auch an der Sprache, die da genutzt wird und den Bildern und Ausdrücken einer Zeit, die heute vielen fremd ist. Das liegt aber nicht nur an der alten Sprache, sondern auch daran, das mit der Fokussierung nach dem Konzil auf die Messe, die liturgische Frömmigkeit zwar zunehmen sollte, dies aber vor allem dadurch erreicht wurde, dass alle anderen Formen zurückgefahren wurden. Dabei ist die Liturgie, dieser Kern unseres Betens, nur dann die Mitte eines Rades, wenn es auch Speichen und eine Lauffläche aufzuweisen hat, die die Kraft aus der Mitte auch übertragen kann. Früher, so sagte man, konnte man Katholiken erkennen an den Schwielen auf den Knien, heute gibt es auch Schwielen, aber am Hintern. Oftmals sind Sitzungen und das Reden miteinander wichtiger geworden als das Ruhen und Sein vor Gott und das Zwiegespräch mit Ihm. Man muss sich nur mal vergegenwärtigen, wieviel Zeit man in der Gemeinde für Sitzungen verwendet im Vergleich zu der Zeit, die man gemeinsam im Gebet vor Gott verbringt.

Dienstag, 12. Mai 2020

Von Coronastarre, Pfingstnovene und Schnutenpulli

Die Jünger saßen in ihren Häusern. Fenster und Türen waren geschlossen, denn sie befanden sich in Quarantäne und konnten  nicht mehr heraus. Sie hatten Angst, sich eventuell auch anstecken zu können. Aber es gab noch unendlich mehr Türen und Fenster, die verschlossen waren. Krankheiten, die hinter der normalen Coronaberichterstattung verschwanden.
Wie sieht es mit meinem Krebs aus?
Werde ich nach der Krise noch einen Job haben?
Wie hat sich die Krise auf meine Beziehungen und Freundschaften ausgewirkt?
War letztlich mein Glaube der Fels meiner Entscheidung oder nicht doch eine Form der Angst?
Die Jünger waren in ihren Häusern. Fenster und Türen waren verschlossen und sie hatten allen Grund dazu Angst zu haben, damals wie

Mittwoch, 8. April 2020

Systemrelevanz von Kirche und Osterhase

Neuseelands Premierministerin hat den Osterhasen als systemrelevant bezeichnet. Er darf also auch weiterarbeiten, wenn das meiste „nicht“ Systemrelevante schließen muss. Was wie eine drollige Nachricht klingt, die vor allem für die Kinder Neuseelands wichtig scheint, offenbart aber eine wichtige Frage. Was und wie nehmen wir etwas anderes wahr, als das, was gerade für unseren privaten Krisenmodus wichtig ist? Was macht das mit den Kindern? Wie geht es den besonders schutzbedürftigen Isolierten? Wird unser kulturelles Leben überleben? Gibt es den Bürgerkrieg in Syrien eigentlich noch und die Flüchtlingslager entlang diverser Grenzen? Was nimmt man wahr von der katastrophalsten Heuschreckeninvasion in Afrika seit 25 Jahren, die auf einen Kontinent trifft, der gerade gewaltige Dürrejahre und anschließende Überflutungen erleben musste. Oder von den islamistischen Morden Boko Harams an Christen in Nigeria? Was ist eigentlich mit dem Klimawandel? Wie sieht es mit

Donnerstag, 20. Februar 2020

Motive in der vorösterlichen Bußzeit.

(vulgo Fastenzeit)

Schon Tiere nehmen bei manchen Krankheiten nichts zu sich und unterstützen dadurch die Heilung.

Das bleibt auch abgestuft bei den Religionen ein Motiv. Im allgemeinen möchten aber Menschen, die Fasten nicht zuerst gesundheitliche Aspekte betonen. Einen Begriffsunterscheidung möchte ich gleich zu Beginn nennen: Bei der Abstinenz: Enthaltung gewisser Speisen, Getränke, Substanzen oder Haltungen. Beim Fasten nehmen wir gewollt weniger zu uns, als ich eigentlich täglich brauchen. Dabei geht die Palette vom Vollfasten, (Getränke brechen das Fasten nicht – früher: Bier!); Brot-und-Wasser-Fasten; diverse andere Fasten nach F.X. Mayr (der Pionier des modernen Fastens) vor über 100 Jahren, das Buchingerfasten; Basenfasten, Saftfasten...