Zeitgleich begannen in der evangelischen Kirche, zuerst kleine Gruppen, um den Frieden zu beten. Diese Friedensgebete fanden montags statt und waren für lange Zeit auch immer sehr überschaubar. Es kamen Menschen zusammen, die sich gerufen fühlten, gegen die Militarisierung von Kindern und Jugendlichen, wie das im ganzen Ostblock üblich war, etwas zu tun.
Ich selber war zwar damals auch katholisch, muss aber zugeben, dass mein Vertrauen in die Kraft und den Sinn des Gebetes in etwa so war, wie bei jemand, der dem Weltall Gedichte erzählt. Für mich war das Christentum damals eher etwas wie eine Philosophie, die ich für besser hielt als den umgebenden „wissenschaftlichen“ atheistischen Marxismus/Leninismus.
Der erste Riss in diesem „Philosophie“verständnis von Christentum und Gebet ergab sich für mich, als ich feststellte, dass zwar gedanklich alles super war mit meiner Situation, dass sich in meinem Inneren aber ein immer größeres Loch entwickelte und ein Gefühl von Sinnlosigkeit bei allem, was ich tat. Verstärkt wurde das durch Literatur, die ich damals als Jugendlicher und junger Erwachsener las, die auch nicht gerade hilfreich für eine christliche Sinnsuche war: Sartre, Camus und Nietzsche. Gerade letzterer wurde unter der Hand weitergegeben, weil das natürlich im Osten verboten war, genauso wie die Marxisten der neuen Frankfurter Schule. Diese Sinnlosigkeitserfahrung wurde über anderthalb Jahre immer schlimmer, sodass ich mich damals innerlich ernsthaft gefragt habe: Wenn doch die Sonne in 5 Milliarden Jahre ausgebrannt ist und nichts in dieser Welt ewig ist, warum lohnt es sich dann überhaupt noch morgen aufzustehen? Wer mal eine depressive Episode in seinem Leben hatte, weiß vielleicht, wovon ich rede.
Es war das Lesen der Bibel, was mich damals da herausgerissen hat; konkret war es die Berufung des jungen Samuel im Tempel (1 Samuel, 3. Kapitel), die in mir die Sehnsucht erweckte, auch mit Gott so zu reden, wie Samuel es damals hörte. Ich begann das erste Mal Gott zu bitten, mir zu antworten. Das Gebet dauerte kaum länger als 20 Minuten. Aber der Effekt war krass. Innerhalb dieser 20 Minuten verschwand die Sinnlosigkeitserfahrung und eine große Freude war da. Ich habe das zwar als Reaktion Gottes verstanden, wartete aber irgendwie noch auf etwas Verbales wie beim jungen Samuel. Leider hielt das mit dem Beten nicht so an. Erst war es täglich, dann wöchentlich und dann alle drei Wochen, bis sich wieder die ersten Ausläufer der Sinnlosigkeit zeigten.
Ich wollte diesen Teil meiner Berufungsgeschichte vor allem deshalb erzählen, weil sich mir das erste Mal zeigte, dass Gebet einen Effekt hat. Aber es war ähnlich wie in einem Ozean, in dem viele Inseln auftauchten, wo es jeweils ein eigenes Gesetz gab; da eine philosophische Insel, dort eine, die ich jetzt im Gebet und der Bibellesung kennengelernt hatte, eine alltagsmaterialistische Insel, dort eine Gemeindeinsel… Ich hatte immer noch keine Vorstellung, was und warum Gebet helfen sollte. Wenn Gott ewig ist, dann weiß er doch schon alles! Und wenn Er eh einen Plan für uns hat, wozu dann beten, dann passiert doch eh, was er will?! Sie merken schon, alle Gedanken waren noch sehr unreif. Deswegen lagen Gottesdienste und gemeinsame Gebete etc. in meinen Gedanken und meiner Wertung in etwa auf der Stufe von kulturellen Veranstaltungen, die stark waren, wenn die Performance gut war. Irgendwie hatte ich noch nicht geschafft, meine neuen Erfahrungen mit meiner Realität zu verknüpfen. Ich musste erst noch lernen: Gott kann zwar alles ohne uns tun; Er möchte es aber nicht – vor allem nicht ohne unser gemeinsames Gebet.
1987 geschah dann etwas Sonderbares. In Dresden wollte das SED-Regime ein Reinst-Siliziumwerk aufbauen, nahe bei qualifizierten Arbeitskräften. Dazu hätte ein Ausgangsstoff, der bei Raumtemperaturen gasförmig wird, mit LKWs quer durch die Stadt gekarrt werden müssen. Die zuständigen Techniker sagten, das sei nicht sicher beherrschbar. Ein Verkehrsunfall – und ein Stadtteil Dresdens wäre tot. Nun begannen Umweltgruppen, Bürgerrechtsgruppen, Gebetsgruppen das erste Mal zusammenzuarbeiten. Diese existierten zwar alle vorher schon unter vor allem evangelischen Dächern, aber jeder wurschtelte für sich selber vor sich hin – und alle natürlich unter Stasi-Beobachtung. Und dann geschah etwas, wofür ich heute noch dankbar bin, dass ich das erleben durfte. Etwas, was in der DDR genauso gegenwärtig war wie der Braunkohlegeruch: die Angst vor der Stasi begann zu zerbröckeln. Dafür gab es überhaupt keinen vernünftigen Grund; denn dieser Unterdrückungsapparat der SED war auf dem Höhepunkt seines Ausbaus. Knapp 100.000 Hauptamtliche und Millionen von Zuträgern taten weiterhin ihre Arbeit. Menschen verschwanden auch weiterhin, wenn sie den Kopf zu sehr raushängten. (Ich rate jedem mal die Gedenkstätte im ehemaligen Stasigefängnis Berlin-Hohenschönhausen zu besuchen, wenn Führer, die damals dort einsitzen mussten, durch die Gänge führen – solange es noch Zeitzeugen gibt.)
Aber ein Unterdrückungsapparat wie das der linken SED-Diktatur lebt von der Angst. In Erfurt in einer Kirche las ich in einem ausliegenden Fürbittbuch: Gott, schenke unserem Land die Einheit wieder. So ein Satz wäre ein Jahr vorher noch undenkbar gewesen.
Auch andere Linien kamen zusammen: in der Politik hatten die Aufrüstungsanstrengungen zum Bankrott der sowjetischen Wirtschaft geführt. Mit Gorbatschow gab es den ersten Leiter der Sowjetunion, der keine Gewalt gegen die eigene Bevölkerung einsetzen wollte. Die Fluchtbewegung aus der DDR über Ungarn, die Botschaft in Prag etc. erhöhten den Druck im Kessel-DDR. Ich arbeitete zu der Zeit noch kurz als Elektroniker, bevor ich in das Sprachenseminar und später den Orden eintrat. Die apokalyptische Stimmung in den Betrieben nahm immer mehr zu, weil immer mehr Menschen verschwanden… Das war auch die Zeit, als der Besuch der Montagsgebete immer stärker wurde. Und irgendwann starteten von hier auch die Montagsdemos. Eingeschleuste Stasispitzel haben immer wieder versucht, Gewalt von diesen Umzügen ausgehen zu lassen. Sie wurden isoliert und beruhigt. Ich möchte hier jetzt nicht die ganze DDR-Endgeschichte erzählen, aber diesen Punkt möchte ich hervorheben: Gott fügte die vielen kleinen und größeren Fäden zusammen über diese Montagsgebete.
Und dann gab es jenen berühmten 9. November 1989. SED-Politbüromitglied Günter Schabowski gab auf einer im DDR-Fernsehen übertragenen Pressekonferenz die Gewährung von Reisefreiheit bekannt. Es folgte die berühmte Nachfrage nach dem Beginn dieser Regelung um 18:57 Uhr. Mit dem Wort „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“ strömten Tausende zu den Grenzübergangsstellen und beginnend mit dem Übergang Bornholmer Straße öffnete sich für die DDR-Bürger damit die Berliner Mauer und die anderen innerdeutschen Grenzen.
Der Gebetsteil der Geschichte wird heute immer öfter übersprungen. Doch damit verliert man auch einen Blick für das Netz, das Gott webt – und alles wird Zufall. „Zufall“ stammt übrigens aus der deutschen Mystik und steht für das, was mir von Gott her zufällt.
P. Adrian Kunert SJ

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