Am 17. September, gedenkt die Kirche neben Robert Belarmin (Grüße gehen raus an Papst Leo zum Namenstag) auch der heiligen Hildegard. Mir kam heute eine Geschichte aus ihrem Leben vor Augen, die – so denke ich – auch für unsere jetzige Zeit von Bedeutung ist.
Die heilige Hildegard sah, als ihre geschätzte Lehrmeisterin im Kloster starb, wie bei dieser ein Bußgürtel abgenommen wurde, der schon ins Fleisch eingewachsen war. Das hat sie sehr erschüttert und in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber diesen weit verbreiteten Praktiken bestärkt. Viele Christen meinten, den Ernst ihrer Nachfolge mit solchen Bußübungen besser ausdrücken zu können. Das war damals allgemein üblich und viele erwarteten das geradezu von religiösen Menschen. Das hat sich in die Kirche eingeschlichen, als sie nicht mehr verfolgt wurde und es – selbst im kirchlichen Amt – viele gab, die das machten, weil es auf einmal Status oder Geld bedeutete. Damit stieg die Sehnsucht, wieder zu sehen, wo es wahren Glauben gab, der nicht nur aus Opportunismus und Statusgewinn angenommen worden war. So zog der asketische Geist in die Kirche ein. Das Problem mit diesem „äußeren Zeichen“ ist, dass manche meinten, damit Frömmigkeit messen zu können und sich Gott wohlgefälliger zu machen; die Evangelischen würden sagen: da will sich jemand Gottes Gnade verdienen.
Hildegard war das zutiefst suspekt; warum sollte es Gott gefallen, wenn sich Sein Abbild selbst verletzt?! Sie ging darum einen anderen Weg, einen, den sie aus ihrem Leben mit Gott als angemessener erkannte. Sie liebte die Schönheit gerade auch in Gottes Schöpfung und war darum bemüht, dies nicht nur in ihrem Schreiben und ihrer Kunst zu zeigen, sondern auch in ihrem Umgang mit Feiern in ihrem Kloster. Es ging darum auch hierin die Schönheit Gottes zu spiegeln. Das brachte ihr Streit mit anderen Äbtissinnen ein, die darin nur eine Spielwiese menschlicher Eitelkeiten sahen. Aber warum fiel mir das gerade heute auf?
Auch heute gibt es viele Meinungen; lautstark und vor allem von diversen Zeitgeistströmungen geleitet. Wenn man in die Politik schaut, habe ich den Eindruck, dass die Antwort vieler Parteien auf Fragen unseres gesellschaftlichen Miteinanders vor allem gewonnen wird aus der gerade herrschenden Partei-Ideolgie. Und die hat oft immer weniger mit der Realität im Lande zu tun. Ob es die neoliberale Wirtschaftsideologie der CDU/CSU ist, ob es die Sozialdemokraten sind, die auf Bundesebene ihre eigentliche Klientel verlassen haben und statt dessen im selben Wählerpool angeln wie die Grünen oder die Linken, die gerade jetzt hier in Berlin Positionen und Konzepte aufwärmen, die schon einmal grandios gescheitert sind. Von der AfD will ich hier nicht reden, weil ihr Wahlerfolg kaum damit zusammenhängt, was in ihrem Wahlprogramm steht, sondern vor allem damit, dass die übrigen Parteien (auf Bundesebene) immer mehr in ihren jeweiligen Ideologieblasen hängen bleiben. Aber das ist natürlich nicht nur in der Politik so. Auch in der Kirche gibt es diverse Zeitgeistströmungen. Ob es die sind, die die Zivilgesellschaft mit ihren Mechanismen eins zu eins in der Kirche etablieren wollen, ob es die sind, die eine ästhetisierte Kirche einer bestimmten Zeit lieben mit klaren, äußeren Regeln, ob es die sind, deren Gottesliebe scheinbar deckungsgleich mit ihrer Armenfürsorge ist… All das kann ich verstehen, aber ich halte sie allein trotzdem für Irrwege, weil mir da zu oft die Wurzel nicht mehr sichtbar ist.
Nun bin ich froh, nicht die Verantwortung zu haben, selber einen ideologischen Weg wählen zu müssen, aber wenn ich auf die heilige Hildegard schaue, sehe ich doch einen gangbaren Weg. Sie betete und wollte immer tiefer auch in der Erkenntnis Gottes wachsen. Daraus erwuchs eine Art, mit den Problemen ihrer Zeit umzugehen. Dabei wollte sie zuerst nicht Deutschland reformieren, sondern – wie das bei Heiligen so üblich ist – selber so leben können, wie ihr das durch das Gebet als richtig erschien. So prägte sie auch ihre Umgebung. Erst mit der immer größeren Ausstrahlung ihres Lebens wuchs auch der Einfluss über ihren Klosterbereich hinaus. Ich bin froh, nicht Deutschland und auch nicht die deutsche Kirche erneuern zu müssen, sondern Raum im Gebet zu finden, wo Gott sich zeigen kann. Danach kann ich sehen, was wirklich daraus erwächst und was Zeitgeistströmungen sind, die ich eher meiden sollte. Dann kann ich sehen, wo ich vielleicht auch in den Streit gehen muss und welche Kämpfe aber auch unsinnig für mich sind auf unserem Weg mit und zu Gott.

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