Donnerstag, 1. April 2021

Wie die erste, wie die einzige, wie die letzte

Religionen sind „Erinnerungsmaschinen“. Ereignisse, Erfahrungen und Erkenntnisse, die Jahrhunderte, gar Jahrtausende zurückliegen, werden heute erinnert, vorgelesen, erzählt, gefeiert. Warum? Weil sie oft allgemein gültige Dinge über Menschen und Beziehungen zueinander bzw. zu ihren Göttern aussagen. Meist sind das Mythen und Legenden, die im Zentrum liegen.

Doch das Christentum ist da anders. Zwar gibt es auch in der Bibel Texte, die in mythologischer Sprache abgefasst sind (Genesis 1-4 zB) oder auch Geschichten, die kurz vor

der Verdichtung zur Legende (Patriarchengeschichten, ab Genesis 12) aufgeschrieben wurden, aber der Kern des Christentums ist ein historisches Ereignis: Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi.

Dieses Geschehen wird von jeher dankend erinnert, täglich in jeder Messe, besonders aber um Ostern. Wie ist Jesus mit diesem und jenem umgegangen? Wie hat Er damals Menschen ihre Lasten abgenommen bzw. ihnen geholfen damit umzugehen? Wie hat Er Menschen ermöglicht, Gott anders und liebender kennenzulernen? Und was hat das ganze Geschehen von damals mit uns heute zu tun? Warum feiern Christen auf der ganzen Welt dies so, als säßen sie selbst mit im Saal und würden im Mahl eins mit Jesus, als gingen sie den Kreuzweg mit Ihm durch die Straßen Jerusalems, als erlebten sie Seinen Tod mit, den Er für und mit uns erlitten hat, und als hörten sie selber die Botschaft: „Jesus lebt!“ ? Weil dieses Ereignis alles geändert hat. So kann man sagen, dass jede Messe die erste (letztes Abendmahl), die einzige (weil immer nur eine Vergegenwärtigung) und die letzte Messe ist. Das sieht man vor allem an den Folgen Seiner Auferstehung und ob ich mit Ihm auferstanden bin.

Die erste und wichtigste Folge Seines Leidens, Sterbens und Auferstehens ist, dass wir jetzt selber aus unserem Tod in Sein Leben hinübergehen können. Wenn wir darum heute Erfahrungen des Sterbens machen, zum Beispiel, wenn wir in unserem Alltag für die Kranken da sind – manchmal ein Jahr schon am oder über dem Limit, nehmen wir diese Erfahrung mit in Seinen Tod hinein. Wenn wir Erfahrungen der Einsamkeit, des Undanks machen, nehmen wir sie mit in Seine Erfahrungen hinein auf dem Weg zum Kreuz. Wir erleben, wie Jesus in all dem liebend bleibt, ohne Bitterkeit bis zum Tod am Kreuz, wo Er, der Sohn, selbst die bitterste Folge menschlicher Sünde, die Trennung vom ewigen Vater, am eigenen Leib schuldlos erfährt und hinausschreit: Wozu hast Du mich verlassen!? Dann können wir erleben, wie uns viele Dinge der Welt, keine Angst mehr machen können, weil wir mit Ihm gestorben und nun auferstanden sind; denn warum lässt Gott zu, dass Sein eigener Sohn so etwas durchleidet? Weil Er weiß, dass der Tod Ihn nicht halten kann. Wir können in der Liebe bleiben und aus ihr neue Kraft schöpfen, selbst da, wo nach irdischem Maßstab, nichts mehr möglich erscheint.

Diese Auferstehungskraft kann der „nur Zuschauer“ nicht schöpfen. Aber überall da, wo ich im Dank für Vergangenes mein Schicksal in Seinem lesen lernen kann, und ich erlebe, wie aus dem rituellen Gedenken ein Erleben desselben Geschehen wird, kommt mehr und mehr auch die Auferstehungskraft Jesu in meinem Leben zur Geltung.

Gott geht unsere Wege mit, selbst wenn wir Ihn noch nicht erkannt haben. Doch da wo Menschen dankend beginnen ihr Leben in Seinem zu erkennen, wächst Seine Auferstehung auch in unserem Leben.

Ich wünsche Ihnen diese Erfahrung. Ich wünsche Ihnen diese Kraft. Und ich möchte Ihnen Dank sagen für dieses gemeinsame Ringen um die Ärmsten, hier die Kranken, denen Sie dadurch zu Jesus werden, der aufrichtet, stärkt und - obwohl Er manchmal nicht weiß, wozu das Ganze manchmal so schwierig, so dunkel sein muss - in Liebe durchhält bis zum Schluss.

Feiern wir also diesen großen Tag (das Triduum von Gründonnerstag bis Ostersonntag) "wie die erste, wie die einzige und wie die letzte" Messe; denn sie ist es.

Eine Gesegnete Kar- und
Osterzeit
Ihr P. Adrian Kunert SJ

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