Donnerstag, 20. Februar 2020

Motive in der vorösterlichen Bußzeit.

(vulgo Fastenzeit)

Schon Tiere nehmen bei manchen Krankheiten nichts zu sich und unterstützen dadurch die Heilung.

Das bleibt auch abgestuft bei den Religionen ein Motiv. Im allgemeinen möchten aber Menschen, die Fasten nicht zuerst gesundheitliche Aspekte betonen. Einen Begriffsunterscheidung möchte ich gleich zu Beginn nennen: Bei der Abstinenz: Enthaltung gewisser Speisen, Getränke, Substanzen oder Haltungen. Beim Fasten nehmen wir gewollt weniger zu uns, als ich eigentlich täglich brauchen. Dabei geht die Palette vom Vollfasten, (Getränke brechen das Fasten nicht – früher: Bier!); Brot-und-Wasser-Fasten; diverse andere Fasten nach F.X. Mayr (der Pionier des modernen Fastens) vor über 100 Jahren, das Buchingerfasten; Basenfasten, Saftfasten...

Auch in den (Welt)Religionen spielt Fasten eine große Rolle mit unterschiedlichen Zielen.

Im Hinduismus dient die Askese (Übung) dazu, um den Körper dem Geist unterzuordnen (zB Yoga), das ist aber auch im jüdisch-christlichen Kontext ein Motiv. Im Hintergrund steht der Athlet, der sich auf den Kampf vorbereitet – hier mit unsichtbaren Mächten. Man versucht dadurch dem Rad der Wiedergeburten zu entkommen.

Der Buddhismus denkt da ähnlich, wobei man durch die Askese vor allem die Täuschung enttarnt, die die Welt bietet und somit leichter zur Erleuchtung gelangt.

Im Islam steht von der Lehre her die „Gehorsamsübung“ gegenüber Gott im Vordergrund, wenn von Sonnenaufgang bis zu Sonnenuntergang weder gegessen noch getrunken wird. Es ist praktisch gesehen aber auch hier ein starker sozialer Aspekt enthalten; denn zum Fastenbrechen bei Sonnenuntergang werden alle mit eingeladen, die gerade vorbeikommen – man sehe sich das zB in Neukölln mal im Ramadan an.

In jüdisch-christlicher Tradition geht es zwar auch um innere Reinigung, zentral ist aber vor allem der soziale Aspekt. Fasten nur für mich oder nur als Zeichen der Frömmigkeit gilt als defizitär, teilweise sogar als sinnlos oder schädlich (Aufbau inneren Hochmuts: Schaut mal wie lange ich fasten kann). Biblisch könnte man mindestens sieben innere Motivationen herausstellen, warum wir fasten, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Ich möchte heuer mal den Aspekt der Achtsamkeit nehmen. Sie ist kein „auf der Lauer liegen“. Fasten schärft unsere Achtsamkeit.

für mich: Was brauche ich wirklich? Was taucht in mir auf, wenn ich reduziere/faste.
 
den Nächsten: Wem nützt mein Fasten? Nehme ich Nöte in meiner Umgebung eher wahr?
Wie reagiere ich jetzt darauf? Fastenspeisen (Gemeinschaft – Spende für Arme)

und Gott: Wenn der Darmtrakt schweigt, kann ich in der Stille andere Dinge hören lernen?
Lerne ich, Gottes Stimme darin zu erkennen? Auch mich und meine inneren Verletzungen (Familie, Schule, Freunde...) kann ich neu wahrnehmen lernen und um innere Heilung oder Versöhnung bitten.

Achtsamkeit ist auch für die Stille und das Gebet gut. Weglassen vieler Äußerlichkeiten (Jesus fastet in der Wüste), lässt mich das, was bleibt stärker wahrnehmen. Was und wieviel brauchte ich wirklich? Sind meine Prioritäten richtig? Haben sie sich unter der Hand verändert? Welche Freuden, Sorgen, Unruhen tauchen auf. Und auf einer tieferen Ebene: welche Angst, welchen Schmerz, welche Leere oder Sehnsucht nehme ich wahr? Wo möchte ich Gott neu einladen zu mir zu kommen?
 
Ich kann die Zeit auch nutzen neue, lebensfördernde Haltungen einzuüben. Die evangelische Kirche lädt hierzu zu "Sieben Wochen ohne" ein. 2020 speziell zu: Zuversicht. Sieben Wochen ohne Pessimismus.

Für manche geht es beim Fasten aber auch um das Gewicht. Hierzu ist zu sagen: Abnehmen ist zwar nicht Ziel von religiösem Fasten, aber oft nettes Beiwerk; Vorsicht jedoch: Der menschliche Körper ist nicht geschaffen, um Diäterfolge zu halten, sondern um Hungerzeiten zu überstehen.
 
Wenn Abnehmen aber eines Eurer Ziele ist, könntet Ihr es mal mit Intervalfasten versuchen (googlen zB aber hier), als neue Haltung einüben. Intervallfasten oder Intermittierendes Fasten (Wikipedia eine Firma) ist eine alte Sache. Zwei Tage nicht Essen bzw. Brot-und-Wasser-Fasten (Verrat Jesus: Mittwoch und Kreuzigung Jesu: Freitag) fünf Tage essen, war in der alten Kirche eine gängigen Fastenform. Neu entdeckt und leichter machbar ist aber die oben verlinkte Form des 16:8 Fastens. Man vergesse nur nicht das Trinken und die Bewegung (z.B. anstelle des Abendessens).  Fasten allein ist zum Abnehmen nicht nachhaltig, außer sie machen es exzessiv wie früher manchmal in der Kirche mit über 100 Fastentagen im Jahr. Deswegen kann das 16:8 Fasten auch der Einstieg in eine neue, gesündere Lebensform sein.

Ich wünsche Euch eine gesegnete vorösterliche Busszeit, in der sich Eure Gedanken also nicht so sehr um das (fehlende) Essen drehen, sondern um den Herrn in Eurer Mitte.

P. Adrian Kunert SJ, Berlin 19.02.2020

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