Gedanken für die Woche 6: Trauer-Fasten
Wie schon im Einleitungsartikel erwähnt, gibt es auch das Trauer-Fasten. Traditionell ist das in der Bibel eine kurze Zeit: zum Beispiel anlässlich des Todes Sauls, Jonathans und Israels in der Schlacht gegen die Philister (2 Sam 1,11-12). Das Trauer-Fasten stammt ursprünglich daher, dass einem bei ganz schlechten Nachrichten das Essen sowieso vergeht. Aber es muss ja nicht dabei stehen bleiben, es kann der Beginn eines Reifungsprozesses sein.
Ich, wenn ich mich bei Jesus wieder über mein schweres Los beklage.
Jeder von uns wird wahrscheinlich in seinem Leben schon einen Verlust zu tragen gehabt haben, der einem bis jetzt nachgeht; vielleicht war es der Tod eines Elternteils in einem frühen Alter oder der einer Schwester durch einen Autounfall. Vielleicht war es aber auch nur der Tod einer Beziehung, von der wir dachten, dass sie ewig hält; und nun stehen wir da mit den Bruchstücken unserer einstigen großen Liebe, unserer heilen Welt und – es schmerzt immer noch, obwohl schon so viele Jahre vergangen sind! Oder wurden Sie gemobbt, haben Gewalt erfahren oder sind überhaupt nie richtig wahrgenommen worden? Sie werden da vielleicht selber das eine oder andere einfügen können. Der Möglichkeiten für alten Schmerz sind viele.
In solchen Situationen versuchen wir zu Beginn oft nur zu funktionieren. Wir sperren den Schmerz in ein Zimmer unserer Seele, versuchen die Tür zu schließen. Wenn es uns gelungen ist, sperren wir den Schmerz weg und werfen den Schlüssel ins Meer des Vergessens. Doch manchmal muss man da nachhelfen mit Schlaftabletten, Alkohol oder anderen Drogen; manchmal stürzt man sich in ungesunde Lebensweisen und sammelt so auch noch viel Gerümpel vor der Tür an, nur damit man nicht mehr reinschauen muss auf das Desaster.
Aber leider funktionieren wir Menschen so nicht. Diese alten Wunden werden zu bitteren Wurzeln, die manchmal auch noch Gift absondern. Jede neue Beziehung, manchmal auch zufällige Begeg-nungen triggern diese alten Verletzungen und ziehen sich wie ein giftiges Band über alles Neue.
Und da kommt diese Art des Trauer-Fastens ins Spiel. Es ist eigentlich ein Teil eines Heilungsprozesses. Wir lassen all das Gerümpel weg, was uns von der verbotenen Tür unserer Seele fernhält. Dann bitten wir Jesus mitzugehen in den alten Schmerz. Weil Er mitgeht, kann man das zulassen. Denn wir fokussieren nicht auf den Schmerz, sondern auf Ihn und geben Ihm alles, was wir selber nie wirklich aushalten konnten und wollten. Echtes physisches Fasten kann hier sehr helfen, weil manchmal das Essen selbst Teil so einer Vermeidungsstrategie ist.
Und in dieser Woche kommt ja auch der Karfreitag. Christen glauben, dass im Leiden und Sterben Jesu auch unser Leid und alles, was wir Ihm jetzt schon mitgeben konnten, ein Ende findet (Röm 6,3-11). Das fühlt sich auch erst einmal nur leer an – wie der Karsamstag, an dem Jesus im Grabe ruht. Doch der Karfreitag ist nur die uns zugewandte Seite der Ewigkeit. Ostern ist die andere – und sie bringt Heilung.
Eine erfüllte Karwoche
und gesegnete
Ostern
P. Adrian Kunert SJ

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